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Erzählungen

JODELNDER JAUCHZENDER AFFE

Zuerst war ihm nicht bewusst, was er gemurmelt hatte. Es dauerte einen Moment, bis er es registrierte. Es war wie ein Schock. Er riss die Augen weit auf und sein Blick suchte den des Arabers.
"Du lieber Himmel, was habe ich eben gesagt? Normales Gewehrkaliber? Haman, bist du dir sicher, dass der Schädel aus der Vergangenheit stammt?"
Eifrig nickte der Araber. "Ganz sicher. Und da wo wir ihn gefunden haben, liegen noch mehr Knochen mit diesen merkwürdigen Löchern. Alle sind identisch und von einer dicken, Jahrtausendealten Sandschicht bedeckt. Wir mussten tief graben, um sie zu finden. Du solltest wirklich mitkommen und es dir ansehen."
Jetzt packte den Archäologen eine seltsame Unruhe.
Skelette in einem uralten Massengrab. Das war ja noch zu akzeptieren. Aber viele Knochen mit einem Loch, das einem gängigen Gewehrkaliber entsprach? Unmöglich!
Heftig sprang er auf, packte den Hut und stülpte ihn auf den Kopf. "Na los, Haman. Zeig es mir!"
Der Araber nickte, drehte sich um und eilte in Richtung der Ausgrabungsstätte. Schmidt folgte ihm unverzüglich.

*

"Wir müssen dort hinüber", deutete der Araber auf eine knapp dreihundert Meter abseits vom Weg grabende Gruppe. "Wir haben sie nicht direkt an der Karawanenstraße gefunden, sondern etwas weiter davon entfernt."
"Und wie bist du darauf gekommen?" erkundigte sich Schmidt, als er neben ihm her stiefelte.
Rekub zuckte die Achseln. "Während unserer Arbeiten habe ich mich ein wenig umgesehen. In einer Mulde fiel mir die Regelmäßigkeit einiger herumliegender Felsbrocken auf. Es schien irgendwie künstlich zu sein."
"Und dann habt ihr dort angefangen zu graben, nicht wahr?"
Anerkennend gab ihm Schmidt einen Klaps auf die Schulter.
Mit dem Araber hatte er einen guten Griff getan. Er war intelligent und besaß eine fundierte Ausbildung. Schon mehrmals hatte er Kollegen bei archäologischen Expeditionen in seinem Heimatland, dem Jemen, geholfen, und war jetzt von Anfang an bei Schmidts Suche dabei.
Vor Schmidt tat sich eine mit Brettern abgestützte Grube auf. Mehrere Männer schufen vorsichtig mit Schaufeln und Spaten eine Ebene, wo man sich bewegen konnte. Andere karrten den Schutt über Holzplanken aus der Grube. Zwei weitere Araber entfernten mit Pinseln und Spachteln von ausgegrabenen Knochen den letzten anhaftenden Schmutz.
Schon beim ersten Überblick gewahrte der Archäologe die bisherige Leistung. Trotzdem die Männer erst seit heute morgen beim Ausgraben waren, hatten sie schon ein riesiges Pensum geschafft. Fast die gesamte Mulde war von dem Sand und den Felsen befreit worden.
Jetzt verstand er auch, weshalb Rekub von einem Massengrab gesprochen hatte. Die Anzahl der wild durcheinander liegenden Skelette, Menschen und Tiere, war enorm. Und überall dazwischen befanden sich Tuchfetzen und Holzfragmente.
Schmidt sprang in die Grube. Ihm folgte sein Vorarbeiter und wies gleich auf zwei Knochenberge.
"Hier, Bob, ist es am deutlichsten. Untersuche du sie. Ich kann damit nichts anfangen."
Wortlos nickte Schmidt. Er trat an die Überreste heran und ging vor ihnen in die Hocke. Behutsam nahm er einen menschlichen Oberschenkelknochen in die Hand, der Absplitterungen und ein eben solches kreisrundes Loch besaß, wie der Schädel von vorhin, und begann seine Messungen.
"Wieder 7.62 Millimeter, plus minus 0.02", murmelte er vor sich hin und unterdrückte gewaltsam alle ablenkenden Gedanken.
Jetzt forschte er nur, ohne Hypothesen aufzustellen. Wie ein Computer sammelte er die Ergebnisse. Sämtliche Knochen, egal ob von Mensch oder Tier, die eine ungewöhnliche Verletzung aufwiesen, untersuchte er. Einige waren zersplittert, doch die meisten besaßen ein Loch von exakt der gleichen Größe.
Erst nach einer Weile wachte er aus seiner tiefen Versunkenheit auf und blickte ungläubig auf den Schädel in der Hand. Neben ihm stand Rekub und wartete geduldig darauf, dass Schmidt etwas sagte. Doch der war viel zu aufgewühlt und zu verwirrt, um über seine Messungen zu berichten. Ungewollt kreisten seine Gedanken um die festgestellten Resultate.
Das waren niemals die Auswirkungen von Schlag- oder Stichverletzungen, wie sie bei altertümlichen Schwertern oder Speeren auftraten. So sahen eindeutig Knochendurchschüsse bei dem Einsatz moderner Hochgeschwindigkeitsmunition aus. Schmidt kannte sich da aus. Nach seiner Collegeausbildung, bevor er sein Studium als Archäologe aufnahm, war er jahrelang beim militärischen Geheimdienst gewesen. Er wusste genau wie die Wirkung der unterschiedlichsten Geschosse auf Knochen aussieht.
Großer Gott, schoss es ihm durch den Kopf. Das kann doch nicht möglich sein!
"Haman, bist du dir sicher, dass das hier aus Salomons Zeit stammt?", erkundigte er sich rau, obwohl er es besser wissen musste. Trotzdem brauchte er irgendwie eine Bestätigung, um sein seelisches Gleichgewicht wieder zu finden.
"Ich habe zwar nicht deine Ausbildung, Bob", erwiderte der Araber kehlig. "Aber daran gibt es keinen Zweifel. Wir haben es mit der C14-Analyse überprüft. Die Skelette sind etwa dreitausend Jahre alt. Auch die Löcher darin!"
Nachdenklich nickte Schmidt. Er richtete sich aus der Hocke auf und steckte die Schublehre zurück in die Brusttasche. Den Schädel ließ er einfach fallen.
"Okay, Haman", knurrte er verbiestert. "Akzeptieren wir es als Tatsache. Ändern können wir an dem Fund doch nichts. Machen wir also weiter und suchen nach möglichen Erklärungen."
Irgendwann in der Vergangenheit hatte es einen obskuren Zwischenfall gegeben. Davon sprachen auch die Texte. Möglicherweise meinten sie einen Überfall auf die Karawane der Königin. Vielleicht sogar das hier.
Waren hier fremde Mächte am Werk gewesen? überlegte Schmidt. Außerirdische vielleicht? Ach Quatsch, weshalb sollten sie Schusswaffen mit einem gängigen irdischen Kaliber benutzen. Sie würden bestimmt eine bessere Waffentechnik besitzen. Außerdem existierten noch keine konkreten Beweise für das Wirken Außerirdischer in der Vergangenheit. Nur Hypothesen. Es musste also eine andere Erklärung geben.
Unvermittelt grinste er vor sich hin. Langsam kam sein Humor zurück.
Junge, denk nach. Du hast beim Geheimdienst gelernt Situationsanalysen zu betreiben. Vergaß die Vergangenheit! Überlege wie ein normaler Hinterhalt in dieser Gegend aufgebaut werden könnte.
Der Archäologe fragte nicht nach dem Warum. Es interessierte ihn nicht. Noch nicht. Zuerst musste er seine Analysen durchführen und eine Bestätigung dafür erhalten.
Er stieg aus der Grube und schaute sich Gedanken versunken um.
Okay, bauen wir also einen Hinterhalt auf. Hmm, dort hinten ist die Karawanenstraße. Gehen wir mal davon aus, dass man sie auch benutzt hat, ohne von dem Weg abzuweichen. Von wo würde ich sie beschießen, um alle gleich richtig zu erwischen?
Intensiv beurteilte Schmidt das Gelände. Sein Blick fiel auf eine leichte Anhöhe, wo mehrere wuchtige Felsen senkrecht aufragten. Siedendheiß durchzuckte es ihn.
Das ist es! Keine zweihundert Meter von der Straße entfernt. Der ideale Hinterhalt. Wenn ich eine Karawane überfallen würde, nur von dort aus.
"Haman, wir sehen uns dort oben um", zeigte er auf die Anhöhe und marschierte schon los.

*

Bald darauf erklommen sie den kleinen Hügel.
Als sie vor den hoch aufragenden Felsen standen, schaute Schmidt zurück in die Ebene.
"Von hier oben aus hat man eine sehr gute Sicht, Haman."
"Stimmt, Bob", pflichtete ihm der Araber nickend bei. "Man kann die Karawanenstraße bis zum Horizont verfolgen."
"Genau. Irgendwo dort hinten muss die Oase sein."
"Hmm", rieb sich Rekub das stoppelbärtige Kinn. "Die Karawanenstraße führt genau unter uns vorbei. Noch nicht einmal in zweihundert Metern Entfernung."
"Einfach ideal", knurrte Schmidt. "Von hier aus bietet sich ein Überfall direkt an. Sicherlich kannten viele Räuber diese Stelle."
"Aber auch die Karawanenführer", grinste Rekub verschmitzt. "Halte die Leute nicht für dumm, Bob. Man wusste sich früher auch zu schützen. Und Pfeile reichen nicht soweit."
Aber Gewehre, dachte der Archäologe. Damit rechneten sie damals nicht und konnten sich auch nicht dagegen schützen.
Verflucht noch mal, jetzt akzeptiere ich beinahe auch schon einen Feuerüberfall in biblischen Zeiten. Unmöglich, zum Kuckuck!
Er schüttelte den Kopf und registrierte, dass ihm der Araber einen merkwürdigen Blick zuwarf. Achsel zuckend ging er darüber hinweg.
"Las uns diese Stelle untersuchen, Haman", sagte er brüsk und wandte sich um. "Vielleicht finden wir etwas, was uns Aufschluss über das Massengrab gibt."
Zwischen zwei mittelgroßen Felsen drängelten sie sich hindurch und befanden sich gleich darauf im geschützten Innern.
Der freie Platz innerhalb der Felsenklötze war nicht sehr groß. Karger Bewuchs, zähe harte Grasbüschel und ein fast trockener Strauch, bedeckten den sandigen Erdboden. Der Felskessel konnte maximal fünfzehn bis zwanzig Personen als Lagerplatz dienen. Zur Karawanenstraße hin waren die Felsbrocken nicht ganz so hoch und konnten gut als Beobachtungsposten benutzt werden.
Von hier haben wahrscheinlich die Räuber aller Generationen auf die Beute gelauert, dachte Schmidt belustigt. Aber wie Haman schon bemerkte; die Karawanenführer waren nicht dumm gewesen. Sicherlich hatten sie ihre Leute gut bewaffnet und waren auf Angriffe räuberischer Beduinen vorbereitet. Nur nicht auf...
Unwillig brach er den Gedanken ab und bückte sich. Vor seinen Füßen erkannte er die Reste einer Feuerstelle. Er zog das Messer aus der Scheide am Gürtel und stocherte darin herum. Nach wenigen Zentimetern traf er auf gewachsenen Fels.
"Lange nicht mehr benutzt worden, Haman. Und der Boden darüber ist nicht sehr hoch."
"Das habe ich auch gerade festgestellt. Wenn hier etwas liegt, kann es nicht tief sein. Möglicherweise ist irgendetwas zwischen die Felsen gerutscht."


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