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Erzählungen

Der Berber






DER BERBER



















1. Kapitel

Hempel erwachte kotzverschmiert neben dem Bürgersteig.
Die schwarzen langen, schon angegrauten Haare hingen ihm in nassen Strähnen überm Gesicht.
Ein Rinsaal Blut floss ihm aus dem rechten Ohr.
Er klappte die Augen auf und inspizierte den Himmel über sich. Es war am regnen.
Sich ächzend auf die Ellbogen stütztend, betrachtete er seine Schuhe. Sie waren nicht da. Stattdessen begrüßte ihn ein Paar schwarze Füße mit zehn prächtigen schwarzen Zehen.
Er kramte seinen Tabak raus und drehte sich ´ne Fluppe.
Aus seiner tiefergelegten Sicht heraus hatte er einen prächtigen Blick unter die umstehenden Fahrzeuge. Ein Kater glotzte ihm aus den Schatten eines Volvos entgegen. Könnte auch eine Katze gewesen sein.
Hempel erhob sich. Mit dampfender Kippe und breitem Gang schritt er die Straße entlang.











Hempel würde heute Bahn fahren. Selbstverständlich besaß er nicht die nötige Muße diese Fahrt mit Geld zu bezahlen. Heute war Schwarzfahren angesagt. Und Hempel war Profi. Es gehörte schließlich zur Berufung eines Berbers Profi im Schwarzfahren zu sein. Sowie im Schnorren und der brutalen Kopfzerstörung durch Schnaps und Kiff.
Es war früh, also würden viele Kontrolleure unterwegs sein, um die zur Arbeit hetzende Herde nach ihren Fahrkarten zu fragen.
Hempel schwankte ihn die Bahn und pflanzte sich nach kurzer Umschau neben eine 90-Jährige fette asiatische Frau.
Die Bahn fuhr los.
„Die Fahlkalte bitte!“, schrie ihn auf einmal die asiatische Oma von der Seite an. Hempel blieb cool und rührte sich nicht.
„Die Fahlkalte bitte!“
Hempel verneinte nur mit einem Kopfschütteln. Der Staat hatte ihn mal wieder an den Eiern erwischt und zugepackt.
„Die Ausweis bitte!“, fuhr die plärrende Asiatin fort. Hempel war sich fast sicher, dass es eine Chinesin war. Sie war in ein riesiges Zelt, mit verschiedenem Gemüse darauf abgebildet, gehüllt. Die Leute drehten sich bereits zu den beiden um.
Hempel griffelte in die Tasche seines sumpfgrünen Bademantels, fand aber nur einen halb aufgerauchten Joint.
Wieder zuckte er die Schultern und schüttelte den Kopf. „Gibt nix.“
„Dann ich muss POLIZEI lufen!“ Sie schaffte es tatsächlich „Polizei“ in Großbuchstaben auszusprechen.
Hempel dachte nach. Flucht kam nicht in Frage. Er war zu faul dafür. Ebensowenig eine längere Diskussion mit der rüstigen Dame. Wenn ein Berber keinen Ausweg findet, beginnt er notwendigerweise zu berbern. „Muss ma kurz auf´s Klo“, murmelte Hempel also und erhob sich.
„Haaaalt POLIZEI!“, protestierte die China-Oma.
Hempel schritt gemächlich zum Klo. Den Joint in seiner Tasche hatte er ja ganz vergessen. Er schloss sich ein und zündete ihn sich genüsslich an. Draußen klopfte es energisch gegen die Tür.
„Aufmachen! Polizei!“
So schnell? Wunderte sich Hempel. Scheinbar hatte ein Polizist von einem anderen Sitzplatz alles mitbekommen.
„Muss grad einen Abseilen“, murmelte er Richtung Tür. „In fünf Minuten geht die Tür auf!“, erschallte es von draußen. Hempel zog an seinem Joint.
Fünf Minuten.







2. Kapitel

Irgendwo in Alaska wärs jetzt schön, dachte sich Hempel und starrte die Wand an. Die Bullen hatten ihn gefickt. 40 Euro Strafe, die der Staat nie sehen würde.
Hempel saß auf seinem Sofa. Das Zimmer war minimalistisch eingerichtet. „Sonst verwirrt einen das nur... wenn zuviel Farbe vorhanden ist“, hatte ein alter Freund zu dem Thema immer beigesteuert. Hempel gab ihm Recht.
Eine Matraze ohne Bezug, eine alter Bananenkarton mit einer Holzplatte darauf als Tisch. Leere Bierflaschen in rauhen Mengen. Auf dem Tisch die unausweichliche Bong. „Henning Eichler“ ward sie einst getauft worden.
„Kein Gras mehr“, dachte sich Hempel und betrachtete das traurig leere Tütchen.
„Schmand rauchen angesagt“, dachte er weiter und griff sich die Bong. Er entfernte das Chillum und begann die durch und durch schwarze, teerig, nasse Masse aus der Bong zu kratzen.
Schwarz stark und vor allem schön lecker.









Schmand rauchen gehört zu den Dingen von denen Kiffer nie gerne erzählen. Im Gegensatz zum einem leckeren grünen Grasbud oder einem Peace Bobel war es eine schreckliche Sache. Das Rauchen sei nur Profis ans Herz gelegt. Es kratzt furchtbar und mundet erbärmlich.
Für Hempel war das kein Problem. Als Berber war er natürlich auch im Bongrauchen trainiert, seine Lunge musste einem Ölteppich gleichen.
Schnoddernd und gluckernd wurde der Eichler geeichelt. Schmand knallt zwar nicht wie Ott, aber geht schon klar.

Den Rauch aus seiner Lunge hustend, legte Hempel die Füße aufs Sofa. Heute war Pfandsammeln angesagt. Am Toom um die Ecke arbeitete ein seniler alter Mann, zu faul um den Pfand selber abzuzählen. Man konnte ihn wunderbar verarschen. Einfach ein paar Flaschen in die große Pfandtüte des Getränkemarktes geworfen und eine beliebig hohe Flaschenanzahl genannt, und schon bekam man die Moneten bar auf die Kralle.
Hempel packte die umstehenden Flaschen in eine Mülltüte und machte sich auf den Weg.
Den Getränkemarkt betretend, sah er sich um. Grüßend nickte ihm der senile Verkäufer zu und deutete auf den Pfandsack. „Machens ma selber nei.“
Hempel begann die Flaschen in den Sack zu schleudern und zählte obligatorisch mit. Meistens verdoppelte er die Zahl. So auch heute.
„Dit macht 10 Euros un 24 Pfennig, ne“, meinte der Alte nickend und reichte Schein und Münzen. Hempel hatte sich währendessen zwei Whiskey-Cola-Dosen eingesteckt.
Zufrieden verließ er den Laden und schlug den Weg zu einem seiner Berberkumpels ein. Ein großer schlacksiger Kerl, mit langen Dreads am Hinterkopf und Haarausfall. Er wohnte am Rand der Stadt in seinem Bauwagen, rauchte Bong wie ein Schlund und war sich auch für sonstige Drogen nicht zu schade. Als gelernter Gärtner hatte er sein Leben im Griff, auch wenn er gerade keinen Job hatte.
Hempel fuhr Bus. Diesmal waren keine 90-jährigen chinesischen Fahrkartenkontrolleurinnen vorhanden.














3. Kapitel

Hempel war auf dem Weg zu Lumpi dem Berber.
Lumpi wohnte in einem Bauwagen abseits der Straßen im Wald.
Er pflanzte dort erfolgreich Marihuana, sowie andere exotische Gewächse, an. Hempel hatte ihm außerdem die Pilzzucht nähergebracht.


Er klopfte an der Tür.
Niemand öffnete.
Wie die meisten Berber besaß Lumpi kein Handy.
Hempel umrundete den Berber Baui. Nur ein paar übervolle Bierkästen waren zu sehen.


Er schlug den Weg in den Wald ein. Es warg, ein herbstlich, kühler Nachmittag, Ende Oktober.
Pilzzeit. Hempels persönliche Lieblingsjahreszeit.
Er kannte alle Kuhweiden der Umgebung, auf denen im Herbst der Spitzkegelige Kahlkopf wuchs.

Da erblickte Hempel seinen Freund Lumpi plötzlich. Er war hinten bei den Bienenkästen. Berber Sepp war auch dabei.
„Hempel alter Sack, alles fit?“, lispelte Sepp ihn lachend an.
„Passt.“
„Ey guck ma‘, die Bienen sind am Start, man!“, rief Sepp und deutete auf die Bienenkästen. Die Bienen sammelten geschäftig Honig und ließen sich von den Berbern nicht stören.
„Bringen die dicken Honig annen Start?“, fragte Hempel.
„Ja klar! Wir woll’n damit Pilzhonig herstellen.“, sagte Lumpi grinsend.
Hempel nickte zustimmend. „Ich hab mein Pilzsammelzeug dabei.“
„Dann ma‘ los, ich kenn‘ hier direkt in der Gegend `ne korrekte Pilzwiese.“, stimmte Lumpi zu.
Die drei brachen auf und ließen die Bienen bei ihrem fleißigen Treiben in Ruhe.
4. Kapitel

Die Schafsweide wurde in wunderbares goldenes Licht getaucht. Beinahe wirkte es so, als würde die Sonne noch einmal mit letzter Kraft gegen die unvermeindliche Dämmerung ankämpfen, wohl wissend dass sie diesen Kampf Abend für Abend nur verlieren konnte, doch ebenso in der Voraussicht, sich am nächsten Morgen wieder aus der Dunkelheit zu erheben, ihre goldenen Finger auszustrecken und die Welt zu umarmen.
Mit einem siegessicheren Lächen ging sie langsam unter.
„Wir müssen uns beeilen“, meinte Sepp. „Die Sonne geht bald unter.“
Hempel brauchte nicht lange, bis er den ersten Pilz gesichtet hatte.
„Lumpi, bist du dir sicher, dass du die Pilze hier auf der Wiese nicht mit Wiesendüngerlingen verwechselt hast?“
„Knallen doch auch“, sagte Lumpi und verzehrte den Pilz.

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