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Erzählungen

Ohne dich

Als ich dich das erste Mal sah wurde mir sofort klar: Das ist Liebe! Ohne nachzudenken hab ich dich angesprochen und du hast mich angelächelt. Wir haben den ganzen Tag noch geredet. Am nächsten Tag hast du mich angerufen und mir gesagt, dass du mich liebst. Es waren die schönsten Worte, die ich in meinem Leben gehört habe. Das war vor genau zwei Jahren. Heute ist unser Jahrestag aber du bist nicht hier. Wir haben zusammen gelacht und geweint. Ich konnte dir alles erzählen. Du hast mir zugehört und hast mir in schweren Zeiten geholfen. In den dunkelsten Momenten meines Lebens hast du mich nie im Stich gelassen. Ich wollte für immer bei dir sein. Ich wollte dich nicht verlieren. Es tut mir leid.

Wir haben uns heimlich getroffen. Niemand durfte wissen, dass wir zusammen waren. Wenn meine Eltern es herausgefunden hätten, dann hätten sie mir verboten dich zu treffen und um ganz sicher zu gehen, dass ich dich nicht doch treffe wären sie mit mir weit weggezogen oder hätten mich in ein Internat gesteckt. Dabei sind wir gar nicht so verschieden. Es ist nicht einmal das Alter. Ich bin 16 und du 18. Wie in einer normalen Beziehung aber trotzdem trennte uns etwas. Es war nicht die Religion, denn wir wurden beide konfessionslos erzogen. Der Unterschied war da und doch so unbedeutend. Es war ein Unterschied der nur auf einem Blatt Papier festgehalten wurde. Mir war es total egal, aber mein Vater beharrte darauf, dass jemand wie du für mich nicht gut wärst. Der Unterschied zwischen uns beiden war unsere Herkunft. Ich kam aus Österreich und du aus der Türkei. Ich wollte es gar nicht wissen, denn für mich warst du ein Engel der aus dem Himmel kam. Auch wenn du ein Österreicher, Schwede oder Amerikaner gewesen wärst hätte das nichts an meiner Liebe zu dir geändert. Aber mein Vater hasste Ausländer. Am Liebsten hätte er alle Immigranten in ihr Land zurückgeschickt auch wenn sie dort in Lebensgefahr schwebten.

Damit niemand bemerkte, dass wir uns trafen nahm ich einen Teilzeitjob an. Meinen Eltern erzählte ich, dass ich immer Überstunden machen und nachher noch zum Lernen in die Bibliothek gehen würde. Aber ich tat nichts davon. Ich traf dich in einer kleinen Wohnung am Stadtrand. Es war deine Wohnung. Du hast sie dir mit einem Studenten geteilt, der immer in einem Internetcafé saß und an irgendwelchen Arbeiten schrieb. Er hat jetzt seinen Abschluss als Computerprogrammierer. In deiner Wohnung waren wir ungestört und wir hatten keine Angst, dass uns dein Mitbewohner störte, denn er blieb immer bis zur Sperrstunde. In den ersten Wochen redeten wir nur. Manchmal hast du für mich gekocht. Nach vier Stunden hast du mich auf deinem Motorrad zum Bahnhof gebracht. Du hast mit mir auf meinen Zug gewartet und alle haben uns komisch angeschaut weil wir in ihren Augen zu verschieden waren um uns lieben zu können. Wenn mein Zug einfuhr küssten wir uns und verabredeten uns für den nächsten Tag. Ich stieg ein und winkte dir vom Fenster bis ich dich nicht mehr sah.

Nach einem Monat kamen wir uns schon näher. Wir redeten weniger und küssten uns mehr. Wir tranken jeden zweiten Abend ein Glas Wein aber nie mehr, denn du hattest Angst um mich, was mir passieren könnte wenn ich betrunken nach Hause fahren müsste. Doch manchmal wurden wir übermütig und tranken mehr. Dann verbrachte ich die Nacht bei dir. Ich schlief in deinem Bett und du lagst auf der Bank im Wohnzimmer. Am nächsten Tag hast du mich aufgeweckt, mir ein Frühstück gemacht, einen Tee gekocht und mich in die Schule gebracht. Meine Bildung war dir immer wichtig. Wichtiger als mir. Du sagtest, wenn ich keine gute Bildung habe bekomme ich keinen Job. Bei dir ging immer die Schule vor. Du hast mir beim Lernen geholfen und mir bei den Hausaufgaben zugesehen. Jetzt habe ich meine Matura. Ich habe ein Stipendium angeboten bekommen für Germanistik. Wenn ich die ganze Nacht bei dir war erzählte ich meinen Eltern am nächsten Tag, ich hätte bei einer Arbeitskollegin geschlafen.


Die Tage wo ich bei dir übernachtete wurden immer häufiger und meine Eltern fragten bald nicht mehr nach wo ich blieb. Ich redete fast nichts mehr mit meinen Eltern und die Zeit zu Hause wurde immer knapper. Es kam auch vor, dass ich für zwei Tage nicht zu Hause war. Meine Eltern kümmerten sich nicht darum wo ich war. Sie sagten, ich sei alt genug um auf mich selber aufzupassen. Es machte mich ein bisschen traurig, dass sie sich nicht um mich sorgten aber du hast mich getröstet und hast mir gesagt, dass sie es nicht so meinen. Ich versuchte wieder öfter zu Hause vorbeizuschauen aber meine Eltern kümmerten sich nicht darum ob ich da war oder nicht. Mein Vater schaute die ganze Zeit nur fern und lies sich von meiner Mutter bedienen. Bald ging ich gar nicht mehr nach Hause und meldete mich auch nicht bei meinen Eltern. Deinem Mitbewohner war egal, dass ich jetzt auch bei euch wohnte, denn ich störte ihn nicht und du übernahmst meine Kosten.

Ich gab meinen Teilzeitjob auf um mehr Zeit mit dir zu haben. Nur wenige Tage später schliefen wir jeden Abend im gleichen Bett. Mehr war da jedoch nicht. Wir waren auch so glücklich und wollten es nicht zerstören. Unser Tagesablauf war immer gleich. Du hast Frühstück gemacht und hast mich in die Schule gefahren. Dann bist du weiter in deine Arbeit gefahren. Nach deiner Arbeit hast du mich wieder abgeholt und wir haben zusammen gegessen und über vieles geredet. Danach hast du mir Zeit gelassen für meine Hausaufgaben und hast mir auch manchmal geholfen. Den Abend hatten wir dann für uns allein und gegen Ende des Schuljahres kamen wir uns immer näher und näher. Am letzten Schultag passierte es. Du hast mich entjungfert. Es war das Schönste, das mir je passiert ist und bald machten wir es fast jede Nacht. Du hattest genug Kondome und nach wenigen Wochen lies ich mir die Pille verschreiben um ganz sicher zu gehen.

Wir lebten für ein ganzes Jahr zusammen ohne irgendwelche Probleme. Wir haben uns nie gestritten und hatten nie Schwierigkeiten uns zu verstehen. Eines Tages warst du jedoch irgendwie anders. Du hast dich ganz komisch verhalten. Der verlief ganz normal außer, dass du beim Sex kein Kondom verwendet hast. Du sagtest, es wäre ein besonderer Anlass und deshalb soll auch das hier besonders sein. Es dauerte nicht lange aber es war besser als jeder andere Sex. Nachher hast du ein köstliches Abendessen gekocht mit Champagner. Ich wusste noch immer nicht was du von mir wolltest, doch als ich an meinem Champagner nippte merkte ich es. In meinem Glas war ein wunderschöner silberner Ring mit drei blauen Steinen. An diesem Tag hast du mir den Heiratsantrag gemacht. Ich wusste nicht was ich sagen sollte und deshalb sagte ich, dass ich es mir noch überlegen müsse. Es war alles zu viel für mich und ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen, denn ich habe vergessen dir etwas ganz wichtiges zu sagen. Ich habe vor einer Woche aufgehört die Pille zu nehmen.

Am nächsten Tag erzählte ich dir, was mich so bedrückte und ich versprach dich zu heiraten. Du wolltest, dass ich einen Schwangerschaftstest mache um noch die Möglichkeit zu haben, das Kind abzutreiben falls ich wirklich schwanger wäre. Dabei dachtest du wiederum an meine Zukunft. Heute bin ich glücklich darüber, denn ich merke es selber wie wichtig eine gute Bildung ist. So schnell wie möglich machte ich im nächsten Krankenhaus einen Test. Sie sagten es würde mehrere Tage dauern bis sie ein eindeutiges Ergebnis haben.

Als das Ergebnis des Schwangerschaftstest eintraf, warst du gerade in der Arbeit. Schnell rief ich dich an jedoch wusste ich nicht, dass du schon auf dem Heimweg warst. Gerade als ich dir das Ergebnis sagten wollte, hörte ich einen lauten Knall und die Verbindung brach ab.

Ich habe das Kind abgetrieben, denn ich wusste, dass du nicht gewollt hättest, dass ich es behalten hätte. Jeden Tag komme ich zu deinem Grab um eine Kerze für dich und unser ungeborenes Kind anzuzünden. Jedoch werde ich das bald nicht mehr machen können, denn ich möchte nicht mehr so weiterleben. Ich bin ganz alleine und kann nicht mehr zu meinen Eltern, denn sie haben über unsere Beziehung erfahren. Du musst nicht mehr auf mich warten. Ich komme jetzt zu dir.

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